Psychotherapie

Was ist das eigentlich?

Psychotherapie kann dabei helfen, mehr von sich selbst zu entdecken: Welche Bestandteile meiner Person habe ich unterdrückt und warum? Wo haben sich seit langem tiefe Verhaltens- und Empfindungsmuster eingeschliffen? Wo liegen die Gründe dafür? Wie kann ich andere Erfahrungen machen?

Meistens suchen wir Therapie auf, weil es uns nicht gelingt, die Beziehungen zu anderen Menschen erfreulich und befriedigend genug zu gestalten. Das liegt meist an hinderlichen Beziehungsmustern, die wir uns im Laufe unseres Lebens aneignen mussten. Es ist nur gewinnbringend, wenn diese Beziehungsmuster sich auch im Kontakt zu unseren Therapeuten zeigen. Die Beziehung zum Therapeuten kann darum zu einem „Laboratorium“ werden, wo wir uns dieser Muster bewußt werden können, neue Erfahrungen machen und neue Muster ausprobieren können. Das kann uns Mut und Lust machen, diese Erfahrungen auch "draußen" zu verwirklichen. Erstes Ziel ist deshalb, dass Klient und Therapeut ein offenes und vertrauensvolles Verhältnis zueinander finden. Sie sind einander ebenbürtige Partner, die sich einander zeigen können mit ihren echten Empfindungen.

Es ist sehr wichtig für uns, unsere Gefühle zu kennen und zu verstehen. Oft haben wir als Kinder wichtige Gefühle runterschlucken müssen, um die Zuwendung unserer Eltern nicht zu verlieren. Solche verdrängten Gefühle sind wie Vorhängeschlösser: Sie versperren den Weg zu unserer Natürlichkeit und Freiheit. Deshalb kann es auch ein Ziel von Therapie sein, sich an diese alten Gefühle behutsam heranzutasten. Oft stellen wir dann fest, dass sie zwar zunächst schmerzhaft oder bedrohlich erscheinen, uns aber auf mittlere Sicht innerlich bereichern. So integrieren wir unsere verleugneten Anteile, werden vollständiger, und Wunden können heilen. Und wer seine Gefühle besser kennt und ihnen trauen lernt, der kann auch seine Bedürfnisse deutlicher wahrnehmen und besser für sich sorgen.

Psychotherapie ist kein Spaziergang, sondern ein Weg, der seine Zeit braucht. Schließlich haben wir unsere Muster in Jahren oder sogar Jahrzehnten erworben. Therapie ist mitunter mühevoll und schmerzhaft. Wenn wir verletzende und verstörende Erfahrungen schon im Kleinkindalter gemacht haben, dann kann Therapie ein schwieriger und langwieriger Prozess sein, der Geduld und Vertrauen braucht. Zum Beispiel wenn wir mit Süchten zu kämpfen haben, mit tiefgreifenden Bindungsproblemen oder mit früh verankerten Minderwertigkeits-gefühlen. Ansonsten aber ist nach 10 Stunden therapeutischer Arbeit oft eine spürbare Verbesserung der persönlichen Situation eingetreten. Allein schon jemanden an seiner Seite zu haben, der zuhört, versteht, bestärkt und neue Impulse gibt, kann viel Erleichterung bedeuten. Und: Psychotherapie ist ein "Entwicklungsbeschleuniger".

Psychotherapie gibt auch die Gelegenheit für philosophisches Nachdenken: Was ist der Sinn des Lebens? Welchen Sinn will ich meinem Leben geben? Was ist wichtig für mich im Leben? Wie ist mein Verhältnis zum Tod? Wie will ich im Angesicht des Todes auf mein Leben zurückblicken? Wie erlebe und verwende ich meine Freiheit? Habe ich religiöse Vorstellungen, und welche Auswirkungen haben sie auf mein Leben im "Hier und Jetzt"?

Psychotherapie ist ein geschützter Raum, in dem wir uns so zeigen dürfen, wie wir sind, und wo wir Neues ausprobieren können. Das braucht Mut. Auch deshalb unterliegt der Therapeut der Schweigepflicht.

"Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird."
Benedict Wells